Business Frau

Wieviel Ehrlichkeit ist zu viel Ehrlichkeit?

Lebensmoral aus der Retorte.

Nicht nur für die Flirter unter uns ist eine gesunde Moral von Vorteil. Ob nun beim Kennenlernen eines neuen Mädchens, oder bei alten Freunden, ob in der Familie oder bei Arbeitskollegen. Die Frage ist, wie viel Ehrlichkeit ist verträglich? Wie viel Ehrlichkeit ist zu viel? Gibt es das überhaupt?

Um mich herum sehe ich zu viele Menschen die der Meinung sind, Lügen seien schlecht. Nicht nur behaupten sie dann, sie würden niemals lügen, sie verurteilen sogar Menschen, die es anders sehen.

Schauen wir mal ab vom grundsätzlichen Charakter solcher Verhaltensweisen im sozialen Umfeld und konzentrieren uns wirklich auf diesen einen Aspekt.

Ist Lügen wirklich schlecht? Oder gibt es doch Situationen, in denen es in Ordnung ist? Vielleicht angebracht? Welcher Zweck könnte hier die Mittel heiligen?

Totale Ehrlichkeit

Stellt euch mal vor ihr würdet grundsätzlich immer, in jeder einzelnen Situation die Wahrheit sagen. Es gibt dafür einen Begriff im Internet, eine Lebensweise, der sich einige Menschen verschrieben haben. Sie nennt sich Radical Honesty, oder radikale Ehrlichkeit. Menschen sagen also grundsätzlich die Wahrheit. Nicht nur das, sondern auch alles was sie so denken. Sie wollen blos nichts verstecken, nichts zurückhalten und damit einen Angriffspunkt bieten, der sie doch als Lügner bezeichnen lassen könnte. Dabei glauben sie auch sie hätten keine Geheimnisse.

Ich komme also morgens bei meiner Arbeitsstelle zu spät. Warum? Der Wecker hat geklingelt, oh ja das hat er wirklich. Undzwar satte zwei Stunden. Natürlich alle 5 Minuten. Der Snooze-Taster war einfach zu verführerisch. Und das Bett doch auch so weich.

Auf Arbeit angekommen krieg ich jedoch prompt eine Ansage vom Chef. Als radikal ehrlicher Mensch muss ich nun also sagen, ich war zu faul aufzustehen. Kommt gar nicht gut. Damit hab ich gleich mal ein schlechtes Bild beim Chef.

Sagen wir ich bin mit meiner Freundin unterwegs. Vorbei läuft eine absolute Schönheit. Als Mann ist man biologisch dazu verpflichtet ein Auge draufzuwerfen. Doch schnell werde ich von meiner Begleiterin ertappt, mit der Frage Findest du die etwa hübscher als mich?.

Das Schicksal eines radikal Ehrlichen kann da schon hart werden. Denn ich muss nun zugeben, dass ich sie wirklich ziemlich heiss finde. Das gibt nicht nur schlechte Laune sondern auch undefinierte weitere Konsequenzen.

Zusammengefasst kann ich also beurteilen, totale Ehrlichkeit endet in einem sehr komplizierten Leben. Doch glücklicherweise gibt es noch das Konzept der Notlüge. Kleine Lügen die niemandem wehtun, mir jedoch das Leben erleichtern.

Eingeschränkte Ehrlichkeit

Ich schränke also meine Werte etwas ein. Natürlich nur im Notfall und auch wirklich nur, wenn es mir sehr schlimme Konsequenzen erspart.

Die Notlüge

Ich lüge also meinen Chef etwas an. Genaugenommen ist es doch auch gar keine Lüge, sondern nur ein leichtes Flunkern. Es schadet ja niemandem. An meiner Unpünktlichkeit kann auch die Wahrheit nichts ändern, aber mein Chef hat wie ich schlechte Laune. Lüge ich hier also erzeuge ich eine Win-Win Situation. Perfekt.

Die unschädliche Lüge

Ein weiterer Grundsatz könnte sein, nur zu lügen, wenn die Lügen keinen bösen Schaden anrichten. Darunter fällt die Notlüge zur Stressvermeidung auf der Gegenseite, wie auch die kleine Lüge um doch meinen Willen zu bekommen. Zum Beispiel, die Lüge beim Zugschaffner, oder wenn ich im Laden etwas zurückgeben will, aber die Rechnung verloren habe. Dies sind bereits Bereiche in denen die Notlüge nicht mehr greift. Doch sie ist relativ unschädlich. Zumindest minimal schädlich.

Nicht lügen

Das Lügen an sich lässt sich in zwei fundamentale Bereiche einordnen.

  • Falsifikation: Die bewusste Falschaussage, das Aussprechen einer Unwahrheit, von falschen Fakten.
  • Täuschung: Das Verschweigen von überführenden Information, das Verschleiern von Tatsachen ohne Falschaussage.

Hierbei entscheiden leider zu viele Menschen, dass das Lügen nur die Falsifikation ist. Eine Täuschung also zählen sie nicht zum Lügen. Die typische Ausrede hier Ich habe ja nichts gesagt, das nicht stimmt. Ich habe also nicht gelogen.. Wie man es dreht und wendet, eine Täuschung gehört nunmal zu einer Lüge, da man einen Menschen bewusst auf eine falsche Fährte lockt. Wer mir hier nicht glaubt, sollte mal einen Fehltritt dem Partner verschweigen und beim Entdecken wieder an mich denken.

Natürlich könnten somit gewisse Aussagen der Menschen, die behaupten sie würden niemals lügen, durchaus richtig sein, wenn man ihre eigene Interpretation von Lüge akzeptiert. Leider belügen sie sich mit genau dieser Aussage sogar selbst, weil sie bewusst eine Falschaussage treffen. Damit haben sie sogar doch ihre Grundaussage revidiert und sich für unglaubwürdig, also als Lügner, erklärt. Denn, dass sie die Person mit der Zurückhaltung wichtiger Informationen hinters Licht führen, das wissen sie selbst.

Zusammengefasst ist das eingeschränkte Lügen also nicht sehr überzeugend. Notlügen alleine helfen zwar, man ist aber dennoch sehr an enge Regeln gebunden. Wenn man die wahre Definition vom Lügen annimmt, so sollte ich ruhig etwas mehr lügen dürfen. Wenn ich diese Definition jedoch nicht akzeptiere, kann ich auch bewusst anfangen zu lügen, da ich bereits dabei bin.

Die unschädliche Lüge, oder auch harmlose Lüge, ist hier schon ein besserer Grundsatz. Doch auch sie hat Lücken. Nehmen wir beispielsweise mal an, ich begehe einen schweren Fehler. Der berühmte Seitensprung, ein schwerer Autounfall den ich selbst verschuldet habe, eine schwere Sünde die ich in den Augen meiner Eltern begangen habe, all diese Situationen zwingen mich dazu die Wahrheit zu sagen. Schließlich richte ich mit diesen Lügen schlimmen Schaden an. Ich verletze meinen Partner oder meine Eltern, ich schaffe ernsthafte Ungerechtigkeit und rücke mich in ein falsches Licht. Noch schlimmer ist dies zu sehen, wenn ich die Tat an sich nicht einmal bereue. Wenn ich wirklich hinter dem stehe, das ich getan habe, damit aber trotzdem meinen Mitmenschen schwer schaden würde, sollte ich es ihnen verheimlichen. In all diesen Situationen brauche ich bewusste Lügen.

Bewusstes Lügen

Wir nähern uns den spannenderen Gefilden. Das bewusste Lügen, somit die bewusste Falschaussage als Teil meines Lebens. Die Frage ist doch, wofür ich dies einsetzen möchte.

Es geht immernoch um ein grundsätzliches Moralverständnis. Wann darf ich also bewusst lügen, wann eher nicht. Dafür möchte ich mir mal meine Mitmenschen etwas näher anschauen.

Selbstverständlich die besten aller Mitmenschen. Die da oben am Ende der Nahrungskette. Die erfolgreichen Menschen.

Die da oben lügen doch ständig. Aus welchem Grund? Purer Egoismus. Hinzu kommt, dass sie sogar recht erfolgreich damit sind. Wie stehen sie zum Lügen? Sie haben kein Problem damit. Sie wenden es an, wann immer es ihnen passt. Zudem sind sie selbst täglich damit konfrontiert.

Warum lügen manche Menschen, andere jedoch nicht?

Diese Frage muss ich mir wohl stellen. Warum lügen die Menschen auf der einen Seite, die auf der anderen Seite jedoch eher nicht?
Ihr kennt meine Meinung zu Pauschalisierungen. Sie treffen nicht auf jedes Individuum zu. Damit kann auch eine offenslichtlich schlechte Tat, zumindest nach der Bewertung der Allgemeinheit, in meinen Augen immernoch die richtige Entscheidung gewesen sein, wenn es dem Individuum hilft. Jedes Verhalten hat eine positive Absicht. Wer sich jedoch hiervon gekränkt fühlt, der gewinnt eine Stunde Telefoncoaching gratis. Das meine ich ernst.

Diejenigen, die Lügen vermeiden, haben eigentlich Angst vor dem Lügen. Sie wollen selbst nicht aktiv lügen, weil sie auch nicht belogen werden wollen. Sie wollen nicht passiv belogen werden, weil sie das Lügen als etwas Falsches ansehen. Einen Menschen zu belügen bedeutet für sie diesen Menschen nicht zu respektieren. Es ist ein Vertrauensbruch. Zudem können sie selbst nicht von Lüge und Wahrheit unterscheiden, wenn jemand anderes sie belügt. Sie erkennen es einfach nicht und sind somit der Lüge hilflos ausgeliefert. Menschen, die Lügen ausgeliefert sind und auf die die Lügen hinterher nur so herabregnen und schweren Schaden anrichten, haben eine begründete und verständliche Angst gegen ebendiese entwickelt. Dabei pauschalisieren sie schnell mal über das gesamte Thema Lüge, ob es nun eine harmlose Lüge oder eine Notlüge ist, oder eine ernsthafte bewusste und in ihren Augen böswillige Lüge ist.

Die anderen Menschen jedoch, diejenigen die selbst tagtäglich lügen, wissen besser warum man lügt, wie man lügt und wie man Lügen erkennt. So kommen sie wesentlich leichter damit klar.

Es geht sogar noch weiter. Die Lügner sind sogar ziemlich ehrliche Menschen. Denn meisst sind die Lügner, die alleine nur für ihren Vorteil lügen sehr offen damit. Sie geben zu, dass sie lügen. Jeder weiss, dass sie manchmal lügen. Sie machen niemandem etwas vor. Da kann sich auch ein Gegner der Lügen leichter damit abfinden, wenn er sich schon von Beginn an auf eine lügnerische Person einstellt.

Nein, ich möchte diese philosophische Frage nach dem größeren Lügner hier nun weder stellen, noch beantworten. Ihr versteht meine Aussage.

Kantsche Philosophie

Die sollte doch in jedem Aspekt meines eigenen Lebens sehr weit oben herrschen. Ich sollte Mut haben, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen.

Mir doch egal, wie die anderen es handhaben, warum sie es genau so handhaben und was nun richtig oder falsch sein sollte. Ich bin ein Individuum, muss meine eigenen Entscheidungen fällen und selbst mit meinen Konsequenzen leben. Somit treffe ich die Entscheidungen nach meinem eigenen Moralverständnis. Dies kann mir niemand ändern, nur ich selbst. Wenn mein Leben also das Lügen zulässt, da es niemanden verletzt, dann ist das so.

Ich muss den Mut haben mir meine eigene Moral aufzubauen. Mir meine eigenen Regeln zum Leben, zum Überleben, schaffen. Ob ich nun radikal ehrlich sein möchte, vielleicht nur auf Notlügen ausweiche, wenn es wirklich notwendig ist, oder ob ich bereit bin zu lügen, wenn die Situation es für mich hergibt, das ist meine eigene Entscheidung und dabei sollte es auch bleiben. Zuguterletzt sollte ich niemanden verurteilen, der sich seine Meinung anders entwickelt hat, als ich Meine.

Lügen ist wissenschaftlich gesehen ein fester Bestandteil der Menschen. Jeder Mensch lügt, niemand kann sich davon freisprechen. Und Lügen kann man sogar lernen. Es heisst zwar, dass Lügen kurze Beine haben, doch stimmt dies nicht. Sie haben genau so lange Beine wie der Macher der Lüge sie setzt. Dabei kann er auch professionell vorgehen und so eine gute Lüge aufbauen.

Die Moral? Werde dein eigener Fels in der Brandung. Erschaffe dir dein Leben mit deinen eigenen Händen. Nach deinen eigenen Vorstellungen. Mache dein Leben zum besten Leben das sich leben lässt.

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